Premiere Jump & Style

Nahezu 100 Prozent Wind, ein sicheres Glattwasserrevier und eine Hardcore-Bucht: Das ist Galinhos zweieinhalb Stunden nördlich von Natal. Was unterscheidet Galinhos von anderen Spots in Brasilien? Die Halbinsel ist ein Geheimtipp, hier prügeln sich keine Massen um ein paar Quadratmeter Glattwasser. In dem romantischen Dorf macht man ganz entspannt Urlaub, weil Kriminelle hier keine Chancen hätten. Als innerörtliche Verkehrsmittel gibt es – Eseltaxis.

Wo sich das Meer in der Wüste verirrt

(Auszug aus dem KITE Magazin)

Der Spot Galinhos ist durch einen Meeresarm vom Festland getrennt. Durch diese ideale Lage gibt es eine fantaastische Lagune und als Alternative eine Bucht mit starkem, schräg auf landigem Wind.

Die Lagune ist einer der spektakulärsten Kitespots der Welt. Wenn das Boot in Galinhos ablegt und nach Osten dieselt, glaubt sich der Passagier am Amazonas. Der Meeresarm wird begleitet von Mangrovenwäldern. Rechts zweigt ein flussähnlicher Strom ab, der sich zu einem riesigen Salzberg durchfrisst. Die Schlangeninsel taucht auf und verliert sich wieder aus dem Blickfeld. Links baut sich eine Düne auf, deren Scheitel wie mit dem Kamm gezeichnet ist.

Dort oben, erzählt Local Hero Edgar, stand einmal der Kiteloop-König Ruben Lenten und ließ seinen Kite im Zenit taumeln. Der Wind fauchte mit 40 Knoten an der Düne hoch wie eine erregte Klapperschlange. Zwei Mann hielten Lenten am Trapez fest. Als sie losließen, stieg der Holländer wie mit der Steinschleuder beschleunigt auf und schraubte sich dann mit Kiteloops aufs Wasser runter.

Das Grün als Begleiter der Lagune macht nach einigen Kilometern der Wüste Platz. Die Dünenlandschaft rückt ganz nah ans Wasser, und irgendwann verläuft sich der Meeresarm im Sande. Bis zum Horizont nur Dünen, sanft geschwungen und schroff abfallend.

Nur durch diese bizarre, unwirkliche Dünenlandschaft führt der Landweg zur Halbinsel Galinhos, auf der das Dorf liegt. „Wer mit dem Auto kommen will, muss sich durch die Wüste quälen, eine Straße gibt’s nicht“, erzählt Edgar und genießt das ungläubige Gesicht seines Zuhörers. Ein Abenteuer-Spielplatz für Buggies mit breiten Schlappen und niedrigem Schwerpunkt. „Aber auch diese Sandkasten-Sahara kann gefährlich werden“, meint Edgar und schaut wichtig. Wenn der Wind die Autopiste verblasen hat, solltest du ganz langsam fahren, denn plötzlich stehst du an der Abrisskante einer Düne. Und wenn du da drüber fährst...“ gibt’s ein paniertes Buggy-Wrack.

Warum aber muss man hier Buggy fahren, wenn’s auch Boards gibt – das Meer legt eine polierte Piste aus. Zwischen zwei Dünen hin und herzukiten, das ist so unwirklich wie Fußballspielen in Katar. Der Wind wiederholt auf dem Wasser das grafische Muster, das er auf die Dünen zeichnet. Feine, regelmäßige Stränge, die aussehen wie Sixpacks bei Bodybuildern. Man ertappt sich bei einer unerhörten Frage: Alle wollen in die Welle, alle träumen von aufeinandergetürmtem Wasser, und hier auf dem Parkett lassen die Kiter Jubelschreie los. Aber das Dünen-Glühen ist erst der Anfang der Orgie. Wenn man im Nähmaschinenmuster downwind nach Westen fährt, weitet sich plötzlich das Wüstental. Die Ufer begrünen sich, aus dem Fluss wird ein See, aus dem Wohnzimmer-Spot in der Wüste ein Sportplatz.

Irgendwann tauchen mitten im Nirgendwo ein paar Häuser auf, vor denen eine Holzpier ins Wasser gerammt ist. In Lee schaukeln im Wüstenwind ein paar Boote wie Gondeln in Venedig. Galos, das zweite, das kleinere Dorf auf der Halbinsel, lebt von seinen Netzen, in dem Fischer und Urlauber zappeln. Wir landen die Kites auf einer vorgelagerten Sandbank und stapfen mit nasser Boardshort in die Dorfkneipe, die wie eine Touristenfalle aussieht. Mit einem Schluck Skol-Bier – tatsächlich eiskalt (ach ja, Michi hatte die Stromversorgung nicht lahmgelegt) – spült man sich das Salz aus dem Mund. Und dann kommt Oma mit dem Meeresfrüchte-Risotto, garniert mit frischem Koriander. Gab’s jemals einen so göttlichen Kite-Lunch?

Die restlichen Kilometer zurück ins Dorf legt man dann besser mit dem Boot zurück, weil auf diesem Streckenabschnitt die Hochspannungsleitung übers Wasser führt.

Der Trip „vom Amazonas in die Sahara und zürück“ endet an der Dorf-Pier von Galinhos. Das Dorf, je nach Informant zwischen 1000 und 2000 Einwohner groß, hat sich den insularen Charme bewahrt. Wenn der Besucher mit dem Schiff ankommt, nimmt er ein einachsiges Taxi (zwei Euro), das von einem stoischen PS oder besser ES gezogen wird. Esel, besser Maulesel bewältigen fast alle Transportaufgaben, weil Lastwagen auf dem Landweg durch die Wüste stecken bleiben würden. Die Hauptstraße wird durch einen Grünstreifen geteilt, immer wieder unterbrochen von gefliesten Bänken, auf denen Dorfbewohner ihre Abende verbringen. So fließt das Leben dahin, und ein paar verrückte Kiter, die in den wenigen Pousadas wohnen, sind die Zaungäste dieses splendid isolation.

Das Eseltaxi schaukelt den Kiter durch die Dorfstraße, die sich bald im Sande verliert, und liefert ihn bei Edgar ab. Der Portugiese hat am Strand von Galinhos ein Kite-Center betrieben, bis ihn sein Partner übers Board zog. Jetzt lebt er von Storage und Sandwiches, Kitekursen und Exkursionen. Die große Bucht, über der sein kleines Häuschen thront, wird rechts von einer kleinen Felsnase begrenzt. Links markiert ein Leuchtturm das Ende der sichelförmigen Küstenlinie. Am rechten Rand beugen kleine Wellen in die Bucht, nicht mehr als kleine Buckel zum Rocken mit dem Waveboard. Aber von Waveriding zu reden wäre so, als würde man die Eseltaxis zu Prunkkutschen hochjubeln. Spielzeug-Brandung – immerhin. Dafür sind die Bedingungen in der Bucht anspruchsvoll bis ruppig. Edgar: „Der normale Wind, den wir im Herbst und Winter kennen, kommt von Nordosten und bläst schräg auflandig auf den Strand. Er wird zwischen 15 und 30 Knoten stark und schiebt beachtliche Dünungswellen in die Bucht.“ Wenn der Wind aber ein paar Grad dreht und aus Ost oder gar Südost kommt (was vor allem im Sommer geschehen soll), wird die Veranstaltung am Kitebeach zum Rodeo. Ein schlimmes Schicksal, das unvergessliche Stunden bringt: Denn bei Südost fahren alle Kiter in die Lagune – dort fegt der Wind passgenau durch den Dünen-Kanal und legt den blauen Teppich aus. Galinhos hat immer Saison.

Vom 09.-17. und vom 16.-24. November 2012

Eine Woche im halben Doppelzimmer mit Flug,
Transfer, Frühstück & 6 Tage Intensiv-Campus.

Zusatzwoche ab 378€ möglich

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Gut zu wissen

Beste Reisezeit: Zwischen Oktober und Februar. Die Regenzeit beginnt irgendwann im März und dauert bis Ende Mai. 

Anreise: Mit der TAP, der portugiesischen Staats-Linie, von vielen deutschen Flughäfen nach Lissabon und dann direkt nach Natal. In Lissabon lieber etwas längeren Auftenthalt in Kauf nehmen, weil bei knappen Anschlüssen das Kite-Material oft nicht umgeladen wird. Die TAP fliegt mit Airbussen, nach Natal mit der A 330.

Tipp für den Aufenthalt in Lissabon: Das Oceanario, ein spannender Meereszoo mit Tieren vom Hai bis zum Oktopus.

Geldspar-Tipp: Nicht mit Lufthansa nach Lissabon, die zockt extra Gebühren fürs Boardbag ab. Bei TAP kostet Deutschland-Natal einfach 75 Euro für ein 30-kg- Boardbag.

Transfer: Zweieinhalb Stunden, anschließend zehn Minuten Bootsfahrt vom Festland nach Galinhos.

Unterkünfte: Galinhos hat eine Reihe von kleinen Pousadas. Kite-College-Gäste wohnen in der Villa Galinhos direkt am Ozean. Romantischer, praktischer geht’s nicht.

Essen: Die Preise in den Restaurants haben Münchner Niveau (ausgenommen ein Einheimischen-Lokal).

Kurs: 2,2 Real für einen Euro, Fisch kostet etwa 28 Real.